Tibets Medizin
In der tibetischen Medizin wird das menschliche Wesen als ein Mikrokosmos im Makrokosmos betrachtet, als ein Teil des gesamten Universums, was bedeutet, dass diese Medizin die gleichen Kräfte sowohl im Kosmos als auch in jeder einzelnen Körperzelle, in jedem Organ oder Gewebe wirken sieht. Die tibetische Medizin spricht dabei von fünf Grundenergien: dem Raum, dem Feuer oder auch der Wärme, der Luft, der Erde sowie dem Wasser. Diesen Energien spricht sie die Verantwortung für Körper und Geist zu. Besonders wichtig ist hierbei ein harmonisches Gleichgewicht zwischen den Kräften.
Yuthog Yontan Gonpo gilt als der Begründer der tibetischen Medizin. Er verfasste im 12. Jahrhundert das Werk „Die vier Wurzeln“. Zuvor jedoch waren bereits im antiken China die positiven Wirkungen der tibetischen Heilpflanzen bekannt. Und um das 7. Jahrhundert herum ließ sich ein reger Austausch tibetischer Erkenntnisse bezüglich der Heilmöglichkeiten mit den angrenzenden Nachbarkulturen verzeichnen. Der Einzug des Buddhismus’ in Tibet brachte gleichzeitig auch aus Indien wichtige Schriften zum Thema Medizin mit. Zu ihnen gehörten vor allem die Grundwerke, die vier medizinischen Tantras. Gleichzeitig hielt auch die Heilkunde des Ayurveda ihren Einzug in die tibetische Medizin.
Die bereits erwähnten „Vier Wurzeln“ sind auch heute noch das primäre Lehrmittel der tibetischen Medizin. Allerdings hat sich im Laufe der Jahre auch immer mehr der Einfluss der chinesischen Medizin eingeschlichen, was man besonders an der Pulsdiagnose sowie der Astrologie erkennen kann.
Im Einzelnen bedeutet das, dass in der tibetischen Medizin eine enge Verknüpfung zwischen Philosophie, Kultur und Religion vorherrscht. Die tibetische Medizin hält es für besonders wichtig, einen friedlichen und gelassenen Geist zu besitzen, um weniger krank zu werden, beziehungsweise um sich von einer eventuellen Krankheit schneller erholen zu können. Ferner sieht sie vor, dass die drei Säfte, die drei Körperenergien – auch Lebensessenzen genannt – im Gleichgewicht sein müssen. Ist dies nicht der Fall, wird der Mensch krank. Diese drei Körperenergien sind Wind, Galle und Schleim.
Die traditionellen Diagnosepraktiken wie die Urin- und Zungendiagnose, die Pulsdiagnose oder auch das Hören, Fühlen und Sehen sollen Aufschluss über das Gleichgewicht oder auch das Ungleichgewicht der Körperenergien geben. Die Behandlungsmethoden, von denen einige auch bei uns erfolgreich eingesetzt werden, wollen das fehlende Gleichgewicht wieder herstellen, und zwar die innere wie auch die äußere Ausgewogenheit. So achtet der tibetische Mediziner in erster Linie darauf, dass der zu Behandelnde sich richtig ernährt. Anschließend wird geschaut, ob ein „richtiges“ Verhalten vorliegt, also ob Wut, Gier, Hass, falsche Illusionen etc. vorhanden sind. Sollte dies der Fall sein, so wird an der Änderung dieses Verhaltens gearbeitet. Diese Methode kommt der unsrigen Psychotherapie sehr nahe. Der Arzt in der tibetischen Medizin verschreibt aber auch nach eingehender Diagnose sowie anfänglicher Behandlung Medikamente. Hierbei handelt es sich in erster Linie um Kräuterpillen. Nur wenige der Tabletten enthalten tierische Bestandteile oder mineralische Substanzen. Zum Schluss erfolgt noch die äußere Behandlung. Hier kann es zum Aderlass, zum Schröpfen, zu Räucherungen oder auch zu Massagen sowie Bädern sowie weiteren alternativen Behandlungen kommen.
Die Astrologie spielt in der tibetischen Medizin ebenfalls eine große Rolle. So werden mit ihrer Hilfe die idealen Einnahmezeitpunkte für die Medikamente berechnet – wozu auch manchmal die Zahlenmystik herangezogen wird -, aber auch die Bestimmung böser Geister sowie die dazu gehörige Ermittlung der Gebete, die diese vertreiben sollen, geschieht mit Hilfe der Astrologie.